Aufwachsen in einer von Stereotypen geprägten Gesellschaft

„Das ist ja rosa, das kann ich doch nicht anziehen!“ Diesen Aufschrei aus dem Mund eines Jungen zu hören, ist keine Seltenheit in unserer Gesellschaft. Kinder nehmen schon im Kleinkindalter Geschlechterstereotype wahr und können mithilfe dieser zwischen den Geschlechtern unterscheiden. Allerdings beziehen sich Stereotype auch auf andere Merkmale wie die Klasse oder die Herkunft wie Dr. in Ayse Dursun, Lehrende am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Wien, im Interview erzählt.

Studie zeigt: Mädchen nehmen sich weniger talentiert wahr als Jungen

Grundsätzlich sorgen Stereotype für eine bessere Orientierung in der Gesellschaft und erleichtern die Informationsverarbeitung. Diese haben jedoch negative Auswirkungen auf Kinder, wie in einer Auswertung der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) festgestellt wurde. Diese zeigt, dass sich Mädchen für weniger talentiert halten als Jungen. Die oft unbewusst wahrgenommenen Rollenbilder werden erlernt und beeinflussen das Denken und Verhalten der Kinder.

Kinder lernen jede Menge Stereotype kennen

Dr.in Ayse Dursun berichtet im Interview, welche Rolle Stereotype für Kinder spielen. Neben den Geschlechterstereotypen können Merkmale wie die Herkunft oder soziale Klasse noch stärker für Ausgrenzungen sorgen. Trennungen zwischen den Schüler*innen finden beispielsweise im Sportunterricht statt, wo Mädchen und Jungen unterschiedliche Sportarten betreiben. Auch durch Deutschförderklassen werden manche Schüler*innen ausgegliedert.

Merkmale wie die Herkunft und Klasse können noch viel stärke Auswirkungen haben als das Geschlecht.

Dr.in Ayse Dursun, Institut für Politikwissenschaft

„Das Schulsystem in Österreich ist sehr klassenspezifisch und weniger geschlechterorientiert. Man muss alle Merkmale gleichzeitig denken“, erklärt sie. Vor allem wenn diese zusammenfallen, treten weitere Diskriminierungen auf. Dabei spricht man von der sogenannten Intersektionalität. Mädchen mit Migrationshintergrund machen andere Erfahrungen als Mädchen ohne diesen. Die Politikwissenschafterin bekräftigt: „Genderstereotype wirken sich nicht auf alle gleich aus, es kommt auch auf Unterschiede zwischen den Frauen an.“

Aufgabe der Politik und der Gesellschaft, Stereotype abzubauen

Durch soziale Bewegungen, die um mehr Rechte von Minderheiten und Ausgegrenzten kämpfen, konnten Stereotype bereits etwas abgebaut werden. Dies zeigt sich vor allem darin, dass mehr Frauen arbeiten gehen. „Auch an Schulen ist ein Bewusstsein entstanden, allerdings sind immer noch viele Stereotype selbstverständlich“, erklärt Dursun.

„Es braucht öffentliche Gelder, damit die Politik in allen Lebensbereichen Maßnahmen zur Gleichstellung setzen kann. Somit können Lehrpersonen Weiterbildungen zum gerechten Umgang mit den Schüler*innen angeboten werden. Wichtig ist auch, den Kindern beizubringen, wie sie sich gegen Stereotype aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihrer Behinderungen etc. wehren können. Ihnen muss auch vermittelt werden, dass Erfahrungen diesbezüglich nichts mit ihnen persönlich zu tun haben, sondern mit der Gesellschaft.“

Es ist wichtig, dass sich Kinder repräsentiert fühlen.

Dr.in Ayse Dursun, Institut für Politikwissenschaft

Auch durch die Medien und wie sie verschiedene Bevölkerungsgruppen darstellen, prägen die Wahrnehmung der Kinder. „Aufgrund des Drucks in der Bevölkerung sind Verbesserungen in den Werbungen zu beobachten. Es kommen weniger Normen und Schönheitsideale vor“, stellt Dursun fest.

Dr.in Ayse Dursun hat Politikwissenschaft sowie Anglistik in Frankfurt studiert. Während ihrer Promotion in Politikwissenschaft an der Universität Wien forschte sie am Institut für Politikwissenschaft. Derzeit arbeitet sie dort im Forschungsbereich Politik und Geschlecht. Ihre Schwerpunkte liegen unter anderem in den Bereichen Feminismus, Migration und Intersektionalität.

Bildquelle:

Beitragsbild: „Gender Stereotyping“ by sickboyy is marked with CC BY-NC-ND 2.0.