Bildung ohne Diskriminierung: Noch ein ferner Traum

Schulkinder sitzen am Boden im Klassenzimmer und hören zu, während die Lehrerin ein illustriertes Buch vorzeigt. Bild: Unsplash

2019 wurden in Österreich 403 Fälle von Diskriminierung im Bildungswesen registriert. Die häufigsten Gründe sind die ethnische Herkunft und die Religion bzw. die Weltanschauung. In nur 5 Prozent der Fälle gab es Konsequenzen für die TäterInnen. Das zeigen die Ergebnisse des vierten Jahresberichts, den die Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen (IDB) am Montag präsentiert hat.

Die Spitze des Eisbergs

Die IDB konnte 2019 aufgrund ihrer stärkeren Vernetzung 403 Fälle dokumentieren – 143 mehr als im Vorjahr. “Uns ist es bewusst, dass wir kein vollständiges Bild darstellen”, teilte Marlies Alt,  IDB-Vorstandsmitgliederin mit – das sei nur die Spitze des Eisbergs. Da viele der Meldungen von KooperationspartnerInnen weitergeleitet worden sind, sind manche Angaben nicht immer vollständig. Tendenziell waren aber die meisten Fälle an Universitäten oder Hochschulen und am häufigsten waren SchülerInnen und StudentInnen von Diskriminierung betroffen. Es gab aber auch zwei Fälle im Kindergarten.

Rassistische Aussagen meistens vonseiten des Lehrpersonals

„Wenn du die Hausübungen nicht machst, dann kannst du dorthin gehen, wo du hergekommen bist.“, hat eine NMS Lehrerin zu einem Schüler gesagt. Ein Sportlehrer hat einen 13-jährigen Schüler und einem Freund als “Der Durchsichtige und sein schwarzer Schatten” bezeichnet. Tschetschenischen Schülern wurde von einer Lehrperson gesagt, dass sie “sowieso am AMS landen werden und, dass Tschetschenen nur Kinder zeugen möchten, damit diese gegen die Russen Krieg führen können”. 

Das sind nur einige der Meldungen, die IDB im Bericht dokumentiert hat. Laut der Statistik geht es in fast der Hälfte aller Fällen um Diskriminierung vonseiten des Lehrpersonals. Mit etwa einem Drittel stellen SchülerInnen die zweitgrößte TäterInnengruppe dar. “Besonders wenn LehrerInnen die TäterInnen sind, kann dies das Trauma intensivieren, da sie aus einer Autoritätsposition heraus handeln”, erklärt Persy-Lowis Bulayumi, Vorstandsmitglied. Diese Machthierarchie ist nach der IDB auch der Grund dafür, dass in nur 12 Prozent der Fällen Interventionen gab.

Rassismus, Ethnie und Religion

Die häufigste Erscheinungsform von Diskriminierung im Bildungswesen war 2019 der Rassismus – insgesamt 44 Prozent aller Fälle. Fast so viele Menschen (43 %) wurden aufgrund der Religionszugehörigkeit bzw. Weltanschauung diskriminiert. Am stärksten betroffen davon waren MuslimInnen, gefolgt von JüdInnen. Eine Chemie-Studentin wurde von einem Betreuer im Labor gefragt, ob sie nicht „Allahu Akbar ruft und irgendwas in die Luft jagt”. Der Grund – sie hat ein Kopftuch getragen. In fast zwei Drittel der Fälle aber, war die religiöse Zugehörigkeit nicht erkennbar. “Die Unsichtbarkeit von Religionszugehörigkeit schützt definitiv nicht vor Diskriminierung”, so Alt.

Sexismus und Behinderung

Deutlich weniger, aber trotzdem wurden auch Fälle von Sexismus (10 %) und Diskriminierung aufgrund von Behinderung (3 %) gemeldet. Ein Klassenvorstand hat sich privat mit Schülern getroffen, um mit ihnen gemeinsam zu trinken, weil er sie “fördern” will. Er hat laut der Meldung „einem Kollegen auf die Hüfte gegriffen” und „baut zu manchen ungewöhnliche Nähe und Naheverhalten auf, während andere heruntergeputzt werden”. 

Konsequenzen – nur selten

Nach Angaben der IDB gab es in nur 5 Prozent der Fällen Konsequenzen für die TäterInnen. „Dass solche Aussagen ignoriert werden, ist eines der grundlegenden Problemen unseres Bildungswesens“ kritisiert Alt. Dr. Sonia Zaafrani, IDB-Obfrau, geht weiter auf die institutionelle Diskriminierung ein. Als zwei negativen Entwicklungen im Jahr 2019 bezeichnet sie die Einführung des Kopftuchverbotsgesetz in Volksschulen und weiterhin die Deutschförderklassen. Eine langjährige Förderung der IDB wurde aber letzen Jahr realisiert – die Einrichtung einer Bildungsombudsstelle in Wien, die sich unabhängig um Probleme in der Bildungseinrichtungen kümmert. Dr. Zaafrani appeliert danach, eine solche Stelle in jedem Bundesland zu etablieren.

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