Drei unserer Guides haben es innerhalb eines halben Jahres, nachdem sie angefangen haben für uns zu arbeiten, aus der Obdachlosigkeit in ein privates Wohnverhältnis geschafft“, so die Gründerin der „Shades Tours“, Perrine Schober.

Einer dieser Guides ist Charles. Der gebürtige Nigerianer kam vor 40 Jahren durch ein Stipendium nach Österreich und studierte an der Universität Wien Medizin. Nach seinem Abschluss war er als Arzt in England und Amerika tätig, bevor er 2011 eine Stelle als Gemeindearzt in Eben (Pongau) antrat. 2013 erlitt Charles einen Herzinfakt und musste schon nach knapp zwei Jahren seine Stelle in Eben kündigen. Er entschloss sich, nach Wien zu ziehen und dort einen neuen Job zu finden, bisher jedoch ohne Erfolg. „Nach dem Herzinfakt ging alles ganz schnell. Meine Arbeitsunfähigkeit führte mich in die Schulden und so konnte ich mir schließlich meine Miete nicht mehr leisten“, sagt Charles. Er schlief sechts Monate lang in Nachtunterkünften, bis er durch einen Aushang von den „Shades Tours“ erfuhr.

Wien aus einer anderen Perspektive

Bis zu drei mal in der Woche führt Charles nun Interessierte durch die Stadt und gewährt ihnen Einblicke einer sonst unbekannten Welt. In den zweistündigen Touren erzählt er seine Geschichte, sowie die Herausforderungen des Überlebens als Obdachloser in Wien. Außerdem erklärt er Hilfsorganisationen wie die Gruft, die Wiener Tafel oder den Vinzenztreff und wie man als außenstehende Person helfen kann.

Die Gründerin, Perrine Schober, studierte in Deutschland Tourismus Management und entschied sich nach ihrem Abschluss, ihr Gelerntes mit etwas Sozialem zu verbinden. Von Obdachlosen geführte Touren in Barcelona, Amsterdam und Berlin inspirierten sie, die Shades Tours nach Wien  zu holen. „Es ist ein Stich ins Herz, wenn man einen Obdachlosen sieht“, sagt Schober. Die Frage, wie man helfen und handeln kann und der Versuch, obdachlose Menschen aus der Opferrolle zu befreien, stellen die Grundideen des Projekts dar.

Schober gründete das Unternehmen, um eine „Bildungslücke“ zu schließen. Obdachlose Menschen werden schnell in die Schublade des „Sandlers“ gesteckt. Es werden jedoch viele Menschen obdachlos, die niemals damit gerechnet hätten und vorher einen sicheren Job und eine Wohnung hatten. Um dieses Vorurteil zu abzubauen und den Obdachlosen eine Möglichkeit zu bieten, sich wieder in den Alltag zu integrieren, bieten die „Shades Tours“ wohnungslosen Menschen eine Plattform.

Einstieg in ein normales Leben

So wie die anderen Guides ist auch Charles geringfügig bei den „Shades Tours“ angestellt und erhält von den Organisatoren Hilfe bei der Wohnungssuche. Seit ein paar Monaten lebt er nun schon in einer sogenannten „Kurzzeitwohnung“ der Stadt Wien und hofft darauf, bald eine langfristige Wohnung zu finden. „Die Shades Tours haben mich wieder an einen Alltag herangeführt, den ich lange nicht mehr hatte. Der Austausch mit anderen Menschen tut mir gut und ich habe wieder mehr Selbstvertrauen und Hoffnung auf eine bessere Zukunft“, sagt Charles.

Perinne Schober wünscht sich für die Zukunft, den Weg zu einer harmonischen Gesellschaft. Information und Begegnung schafft Verständnis und Empathie, genau das sollen die Shades Tours vermitteln. „Wichtig ist, dass wir uns fragen, was wir als einzelne in den Händen haben, um etwas gegen Missstände wie Obdachlosigkeit zu tun, und nicht darauf warten, dass die Politik etwas daran verändert.“

Die „Shades Tours“ finden bis zu zehn mal in der Woche statt und werden auf Deutsch und Englisch gehalten: http://www.shades-tours.com/

Bildnachweis: Privat.