Zwischen Tischen voller Bücher und stöbernden Passanten setzte ich mich mit Sylvia Wilke zusammen und hörte mir ihre Geschichte an. Es war eine warmherzige Begegnung voller Mitgefühl und Wärme. Ihr herzlicher Umgang mit anderen Menschen, egal ob diese Bücher kaufen oder spenden, fand ich sehr inspirierend.

Im Winter 1996 fror Sylvia Wilke am Nachhauseweg. Sie musste an all die Obdachlosen denken, die nicht am Weg in ein warmes zu Hause sind. Also suchte sie daheim ihren Schlafsack, sammelte noch weitere von ihren Freunden ein und brachte sie zur Gruft.

Ein paar Jahre später blieb beim Zusammenräumen ein Karton Bücher übrig. Sie setzte sich damit an den Franz-Jonas-Platz und gab die Bücher gegen eine Spende her, um weitere Schlafsäcke kaufen zu können. Bald schon fragten Passanten, ob sie auch Ihre Bücher vorbeibringen könnten. Sie besorgte sich eine Genehmigung und der Flohmarkt wurde größer und größer. Es gibt reichlich Auswahl, von Geschichtsbüchern bis hin zu  Thrillern und Bestsellern ist alles dabei.

Doch nicht nur Bücher werden gespendet. Jemand schenkte eine Heurigengarnitur für den Verkaufsstand. Der Pfarrer der Pius Parsch Kirche stellt einen Raum im Glockenturm als Lager zur Verfügung. So kann ein Großteil der Bücher gleich ums Eck gelagert werden, denn ein Transport aller Bücher ist mittlerweile unmöglich.

Da der Flohmarkt immer größer wurde, brauchte Sylvia bald Hilfe. Ihr erster Helfer war ein Obdachloser, dem Sie über den Weg lief. Sie kaufte ihm ein Handtuch und ein paar Kleidungsstücke und stellte ihn für ein kleines Gehalt an. Außerdem verwies sie ihn an die Gruft, damit er dort Hilfe findet. Mittlerweile wohnt er seit ca. 15 Jahren mit seiner Freundin zusammen, die er in der Gruft kennengelernt hat.

Sylvia betont bei meinem Gespräch mit ihr eines immer wieder:

„Mir is einfach wichtig, dass jeder wos davon hat.“

Die ungebrauchten Bücher finden einen neuen Platz, Sylvia hat etwas zu tun und die Obdachlosen bekommen Schlafsäcke. Außerdem bietet der Flohmarkt jemandem, der Hilfe braucht, einen kleinen Job als Aushilfe. Auch der Pfarrer bekommt regelmäßig eine Spende als Dankeschön, für den zur Verfügung gestellten Lagerplatz. So zieht der Flohmarkt seine Kreise und jeder profitiert davon.

Wenn sie also alte Bücher zu Hause haben, die sie nicht mehr brauchen, können sie diese verwenden, um Obdachlosen zu helfen. Somit hätten die alten staubigen Bücher wieder einen neuen Sinn.  Bei schönem Wetter ist der Flohmarkt jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag am Franz-Jonas-Platz in Floridsdorf zu finden.