Wien

Fiaker in Wien – Tradition oder Tierleid?

Für die einen gehören sie zum Wiener Stadtbild, für die anderen sind sie Tierquälerei. Die Rede ist von den Fiaker-Kutschenfahrten in der Stadt Wien. Bereits seit mehreren Jahren wird dieses Thema in der Politik sowie auch in der Gesellschaft heiß diskutiert. Doch eine Lösung wurde bisher noch nicht gefunden. Goschat fasst die Debatte für dich zusammen.

Seit 2016 bekommen die Fiakerpferde ab einer Temperatur von 35 Grad hitzefrei. Ebenfalls seit Jahren wird diskutiert, ob diese Grenze auf 30 Grad heruntergesetzt werden müsse und ob die Kutschenfahrten überhaupt noch mit dem Tierschutz vereinbar seien. Seit 2013 ist der Tierschutz in der Verfassung verankert und hält fest, dass es nicht erlaubt ist, wenn man „ein Tier Temperaturen, Witterungseinflüssen, Sauerstoffmangel oder einer Bewegungseinschränkung aussetzt und ihm dadurch Schmerzen, Leiden, Schäden oder schwere Angst zufügt“ (TSchG § 5 Abs. 2).

Gegner der Fiaker

Ausgelöst wurde die Debatte kürzlich wieder von dem Minister Johannes Rauch (Grüne), der sich Mitte Mai öffentlich äußerte: „Man sollte sich Gedanken darüber machen, nämlich wirklich aus Gründen des Tierschutzes, ob man ein Pferd diesem Stress aussetzen sollte.“ Gegenüber „Wien heute“ hat Rauch gemeint, dass der Einsatz von Fiakern in einer Großstadt seiner Meinung nach nicht mehr zeitgemäß ist.

Auch Madeleine Petrovic, Präsidentin von Tierschutz Austria, meldete sich zu Wort: „Eine gesellschaftliche Debatte über die Zeitgemäßheit der Fiaker ist wichtig.“ In einer Aussendung hält sie fest, dass sie das Herabsetzen der Hitzegrenze, eine strengere Kontrolle an heißen Tagen sowie eine generelle Verlegung der Kutschfahrten aus der Innenstadt befürworten würde.

Markus Figl (ÖVP), Bezirksvorsteher des ersten Bezirks äußerte sich ebenfalls zur Fiaker-Debatte: „Als Bezirk liegt uns das Wohl der Tiere am Herzen und wir befürworten es, wenn tiergerechte Rahmenbedingungen für Fiakerpferde geschaffen werden.“ So spreche man im Bezirksrat momentan vor allem über den Einsatz von Kunststoffhufen, die den Pferden so weniger Schmerzen zufügen und zudem die Kosten der Instandhaltung der Strassen minimieren würden.

Nachdem die Initiative oekoreich Mitte Juni die Stadt Wien aufforderte, eine Volksbefragung durchzuführen, meldeten sich mehrere Befürworter. Sowohl der bekannte Wiener Fiaker-Betreiber Wolfgang Fasching, sowie auch Initiator des Tierschutzvolksbegehren Sebastian Bohrn Mena finden es gut, wenn die Wiener*innen in der Debatte mitsprechen dürften. „Sollten die Wiener*innen eine Abschaffung befürworten, würden wir dies auch akzeptieren“, so Fasching.

Fürsprecher der Fiaker-Kutschfahrten

Rauchs Forderungen haben bei diversen Parteien für Aufruhr gesorgt. So zeigt Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) keine große Begeisterung für die Debatte. Bei einer Pressekonferenz sagt Ludwig: „Ich persönlich würde es sehr bedauern, wenn es keine Fiaker mehr in Wien gibt. Sie gehören zum Stadtbild.“ So seien die Kutschenpferde für Tourist*innen sowie auch für Wiener*innen Symbol der Stadt.

Auch Michaela Zlamal, Sprecherin des für Tierschutz zuständigen Stadtrats Jürgen Czernohorszky (SPÖ) , betont, dass bisher das Verbot der Fiaker-Kutschfahrten noch nie ein Gesprächsthema war. Sie findet, die Diskussion solle sich lieber auf die Hitzegrenze konzentrieren.

Markus Giessler, Obmann der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft, stellt einen Vergleich zur italienischen Touristenstadt Venedig auf und sagt in einer Aussendung, dass Wien ohne Fiaker wie Venedig ohne Gondeln wäre. Auch Davor Sertic, Obmann der Sparte Transport und Verkehr spricht sich gegen den Vorschlag von Rauch aus. „Die aktuellen Forderungen um ein Fiakerverbot lassen wissenschaftliche Fakten komplett außer Acht. Populistische Aussagen sind absolut fehl am Platz, wenn es um die Existenz einer ganzen Branche geht“, so Sertic.

Gegen die 30-Grad-Regulierung, sowie gegen das Verbot der Fiaker spricht sich auch Tierärztin und Arbeiterin von zwei Fiakerbetrieben Isabella Copar aus. „Ich sehe es nicht ein, dass sich Politiker ein Urteil über das Tierwohl machen, obwohl sie keine Ahnung von den Tieren haben“, so Copar. Dabei bezieht sie sich auf eine Studie der Veterinärmedizinischen Universität Wien, die „in keiner der annähernd 400 Messungen an den Tieren den Hitzestress in Form einer Überforderung des thermoregulatorischen Systems des Pferdes feststellen konnte“. Zudem könne Copar behaupten, dass in den vergangenen 25 Jahren kein einziges Pferd in der Hitze in der Stadt kollabiert sei.

Politisches Kompetenzlabyrinth

Wieso die Debatte nach mehreren Jahren immer noch am gleichen Ort stehen geblieben ist, könnte an der Unstimmigkeit über die Zuständigkeit des Themas liegen. So schieben sich die Stadt und der Bund gegenseitig die Verantwortung zu. Tierschutzstadtrat Jürgen Szernohorszky (SPÖ) meint dazu: „Wir als Stadt sind nicht für das Tierschutzgesetz zuständig – dieses Gesetz obliegt dem Bund, wo man diese Temperaturgrenze in Hinblick auf das Tierwohl festlegen könnte.“ Gleichzeitig äussert sich das Höchstgericht und meint, dass „die Stadt Wien darüber entscheiden müsse, ob und unter welchen Bedingungen die Pferdegespanne unterwegs sein dürfen“. Klar ist: in naher Zukunft soll ein Runder Tisch mit verschiedenen Experten und politischen Vertretern organisiert werden, damit sich beide – Stadt und Bund – mit der Debatte befassen.

Quellen

Beitragsbild: eigene Aufnahme

Quellen:

https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=20003541&FassungVom=2013-12-31

Delia Montagnolo

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