Interview mit einem Streifenpolizisten: Corona-Notfallschichtplan zerrt an Energiereserven

Nach Anbruch der Krise hat sich die Polizeipräsenz in Wien stark erhöht. Wer untertags oder vor allem gegen Abend die Ringstraße entlang geht, wird mehr Beamte als Bürger treffen. Es ist die logische Konsequenz aus den Maßnahmen der Regierung zur Selbstquarantäne.

Niemand soll mehr auf die Straße, außer zum Arbeiten, Einkaufen, Spazierengehen oder um anderen zu helfen. Die Polizei ist zur Kontrolle der Einschränkungen da. Die Beamten gehören dadurch mit den Gesundheitshelfern und Supermarktmitarbeitern zu den Berufsgruppen, welche nicht arbeitslos wurden, sondern Mehrarbeit stemmen müssen.

Guten Tag und vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Ich möchte mit einer einfachen, aber wichtigen Fragen zu diesen Zeiten beginnen. Wie geht es Ihnen? 

Mir geht es soweit gut, danke der Nachfrage! Die Umstände meiner Arbeit haben sich eben verändert, aber sonst kann ich nicht klagen. 

Wir arbeiten nicht mehr 8 Stunden pro Tag, sondern 12.

Meinen Sie damit, dass Sie die Einhaltung der neuen Maßnahmen zu kontrollieren haben? 

Ja, das auch. Aber vor allem das neue Schichtmodell. Wir arbeiten nicht mehr 8 Stunden pro Tag, sondern 12. Es gibt keine kurzen Tage mehr, in der Regel gehe ich vor 12 Stunden nicht nach Hause. Dieser Corona-Notfallschichtplan kann an den eigenen Energiereserven zerren. 

Sehr interessant! Wieso wurden ihre Schichten umgestellt? Ist eine höhere Belastung jetzt überhaupt sinnvoll, wenn Sie sowieso gerade alle Hände voll zu tun haben?

Ich denke, niemand arbeitet gerne länger, aber es verfolgt einen Sinn. Vor der Krise gab es 3 Schichten pro Tag, welche 8 Stunden lang waren. Nun wurde auf zwei Schichten, also 12 Stunden umgestellt. Dies dient dem Zweck, dass es weniger Kontakt unter den Beamten gibt, also weniger Ansteckungsgefahr für ein ganzes Polizeipräsidium. 

Wir bekommen auch öfter gesagt, dass unsere erhöhte Präsenz gewünscht ist.

Nun sind Sie zuständig dafür, dass die Bürger sich an die neuen Einschränkungen des öffentlichen Lebens halten. Wie nehmen die Menschen die Kontrollen auf? 

Das ändert sich eigentlich von Woche zu Woche. Mittlerweile wird es sehr positiv aufgefasst. Wir bekommen auch öfter gesagt, dass unsere erhöhte Präsenz gewünscht ist. Beanstandungen gibt es nur vereinzelt und die Menschen zeigen sich meistens kooperativ. 

Gab es auch schon Konflikte aufgrund der Maßnahmen? 

Selbstverständlich! Grundsätzlich kann es immer Konflikte geben. Momentan liegt es vor allem daran, dass es manche ernster und manche nicht so ernst nehmen. Letzteres führt dann zu Konflikten. Bei vielen Menschen sind immer ein paar Konflikttreiber dabei. 

Also frei nach dem Motto: es gibt immer ein paar verfaulte Äpfel im Obstgarten?

(Er lacht). Ja, genau!

Inwiefern hat sich ihr typischer Tagesablauf verändert?

Erstens, wie bereits erwähnt, arbeiten wir nun 12 statt 8 Stunden. Zweitens gibt es keinen normalen Tagesrhythmus mehr, das ändert sich nun immer. Man kann nicht mehr sagen, heute achten wir auf Raser, Handy am Steuer oder die Einhaltung des Tempolimits. Außerdem sollen wir solche allgemeinen Kontrollen momentan lassen, um die Ansteckungsgefahr zu vermindern.

Was wird zu Ihrem eigenen Schutz von den Behörden geleistet?

Wir haben Seuchenschutz-Kits bekommen. Dazu gehören Handschuhe, eine Maske mit Atemschutzfilter und Desinfektionsspray. Es gibt neue Hygienevorschriften auf der Wache und um das nochmal zu betonen „tonnenweise“ Desinfektionsspray. 

Ich denke, dass der Staat alles tut, was in seiner Macht steht.

Denken Sie, dass genug zu Ihrem eigenen Schutz getan wird?

Ich denke, dass der Staat alles tut, was in seiner Macht steht. Alles was möglich erscheint, wird auch getan. Die Krise ging los und zwei Tage später hatten wir alles, was ich davor genannt habe. 

Fürchten Sie sich davor selbst zu erkranken wegen dem regen Kontakt, den Sie mit Mitmenschen haben? 

Nein, ich fürchte mich um mich selbst nicht, da ich keine Risikogruppe darstelle. Ich habe eher Angst, dass wenn ich erkranke, ich Risikogruppen anstecken könnte. Denen würde es dann wirklich schaden. 

Momentan fallen mir eher die 40 bis 50-jährigen auf.“

Welche Altersgruppe hält sich am besten und welche am wenigsten, ihrer Erfahrung nach, an die neuen Auflagen? 

Das kann man so pauschal nicht sagen. Es variiert. Anfangs haben es vor allem die Jugendlichen oder Mitmenschen unter 30 auf die leichte Schulter genommen. Momentan fallen mir eher die 40 bis 50-jährigen auf. Das sind natürlich alles nur persönliche Eindrücke. Generell ist das schwierig zu sagen, aber es halten sich überraschend viele an die Maßnahmen. 

Wie viel Stress haben Corona Parties verursacht und gibt’s die noch?

Ich würde sagen, fast die Hälfte meiner momentanen Einsätze sind sog. „Corona Parties“, also Versammlungen, die größer sind als zwei Personen. Bezogen auf Corona ist dann schon fast alles, was so täglich anfällt. Vor allem fallen auch Anrufe von besorgten Bürgern auf, die vermeintliche Corona Parties melden. 

Wie ist Ihr Eindruck, was das Thema häusliche Gewalt angeht? 

Gefühlt würde ich sagen, dass die Vorfälle der häuslichen Gewalt gestiegen sind. Vor den Ausgangssperren hatte ich maximal einen Einsatz pro Tag, der sich mit häuslicher Gewalt befasst hat. Nun können es schon mal mehrere am Tag werden. Leider. 

Zu guter Letzt: Wollen Sie ihren Mitbürgern und Mitbürgerinnen noch etwas mit auf den Weg geben?

Weiter durchhalten! Wenn’s nicht unbedingt sein muss, dann bleibt bitte zuhause. 

Bildnachweis: „Polizei“ by O3EBLS, CC BY-NC-ND 2.0

Tobias Wilharm

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